Die Polizei ist nicht die „Krone der Sicherheitsschöpfung!“

Das Ordnungsgeflecht

Die Polizei ist nicht die „Krone der Sicherheitsschöpfung!“ – auch, wenn viele Menschen das glauben. Kommunale Ordnungsbehörden sind ihr in einigenBereichen sogar überlegen. In diesem Artikel erkläre ich, weshalb das so ist.

Vor zwei Jahren führte ich in einem kommunalen Ordnungsdienst einer großen Stadt in Deutschland ein mehrtägiges Training durch. Es war die erste Fortbildung, nachdem ein halbes Jahr zuvor die dreimonatige Ausbildung erfolgt war. 

Meine Aufgabe war erneut die Vermittlung und Vertiefung eines speziellen Kommunikationstrainings zur Bewältigung von Konflikten zwischen gewaltbereiten Bürgern und Ordnungsdiensten.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter traten nach der Ausbildung hochmotiviert ihren Dienst an. Sie trugen, wie in vielen Städten üblich, eine spezielle Uniform. Dann geschah etwas, was diesen Ordnungsdienst erschütterte und einige Mitarbeiter noch Monate später beschäftigte. 

Ein Team von ihnen ging Streife. Unvermittelt hielt neben ihnen ein Streifenwagen. Der Beifahrer lies das Fenster herunter, schaute die Streifengänger an, lächelte und sagte „Schicke Mütze!“ Diese Aussage traf sie sehr. Einige von ihnen wollten von dem Moment an gar keine Uniform mehr tragen.

Wir fragten uns im Seminar, was genau die Mitarbeiter an dieser Aussage störte. Tatsächlich verwendeten wir mehrere Stunden auf die Lösung. Es ging um das eigene Selbstverständnis. Aus meiner Sicht zeigte sich eine innere Spannung, die aus dem äußeren Erscheinungsbild einerseits und der vermuteten geringeren Anerkennung (als die Polizei) in der Öffentlichkeit andererseits entspringt. Ist nicht so? Wie viele Krimis kennst du, in dem das Ordnungsamt cool, und die Polizei langweilig wirken? Was vermutest du selbst denkt die Bevölkerung über dich und deinen Beruf?

Was macht die Anerkennung kommunaler Ordnungsdienste eigentlich aus? Sind sie billige Hilfspolizisten? Meine Antwort lautet ganz klar: Nein! Kommunale Ordnungsdienste (wie auch immer sie konkret in den jeweiligen Städten und Gemeinden heißen) sind DIE Spezialisten für kommunale Ordnung. Sie werden als eben diese Spezialisten in den kommenden Jahren immer wichtiger werden – und bei einigen Tätigkeiten die Kompetenz der Polizei deutlich übertreffen.

Warum?

Sehr viele Bürgerinnen und Bürger sehnen sich nach Ordnung in den Städten und Gemeinden. Sie wünschen deutlich mehr staatliche Maßnahmen, um Unordnung und Regelbruch zu bekämpfen. Damit nehmen auch die Herausforderungen für die Ordnungsbehörden zu. Aktuell zeichnet sich die Tendenz ab, die kommunalen Ordnungsdienste zu einer Art „zweiter Polizei“ zu entwickeln. Diskussion um die Einführung von Tasern beispielsweise zeigen mir diese Entwicklung. Ich halte das für einen falschen Weg. Die Stärke der kommunalen Ordnungsdienste sind die Nähe zu den Bürgerinnen und Bürger und der hohe Sachverstand im kommunalen Arbeitsfeld. 

Aber wer sorgt in der Gesellschaft eigentlich für Sicherheit und Ordnung? Die Antwort: Viele! Jeder Beruf, der zur Aufrechterhaltung der Ordnung beiträgt, trägt zur Aufrechterhaltung der Sicherheit bei. Sicherheit erfolgt aus Ordnung. Und die Aufrechterhaltung der Sicherheit trägt zur Aufrechterhaltung unserer Freiheit bei. Seit der Corona-Krise wissen wir, wie viele Berufe tatsächlich für die Aufrechterhaltung der Sicherheit und Ordnung relevant sind – Systemrelevant.

Das war vor zwei Jahren, als ich das Training bei diesem Außendienst durchführte, noch nicht absehbar. Dennoch fand ich damals eine Übung, die bereits diese Erkenntnisse vorwegnahm. 

Ich teilte die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Dienstes in mehrere kleine Gruppen ein. Sie erhielten von mir 30 Minuten Zeit, um alle Berufe aufzuschreiben, die dazu beitragen, das Chaos in der Gesellschaft verhindert wird. Nach 50 Berufen an der Flipchart beendeten wir diese Übung übrigens. Es hätten noch viele weitere aufgeführt werden können… 

Weshalb habe ich diese Übung gewählt?

Ich wollte mit dem Mythos brechen, dass die Polizei die „Krone der Sicherheitsschöpfung“ sei. Die Polizei hat spezielle Aufgaben, die sie mit viel Erfahrung und Kompetenz bewältigt. Und zugleich gibt es zahlreiche Tätigkeiten, die sie entweder nicht bewältigen kann oder will. Oder hast du schon einmal die Besatzung eines Streifenwagens dabei erlebt, einen Stromausfall in der Stadt zu beheben? Repariert die Polizei einen Wasserrohrbruch auf der befahrensten Straße der Stadt, um die Ursache des Verkehrschaos zu beheben? Schließt die Polizei das Leck eines Gastanks eines chemischen Unternehmens, das die Bevölkerung gefährdet? Natürlich nicht.

Mein Impuls für dich: setzt euch in eurer Dienststelle zusammen, nehmt euch 20 Minuten Zeit und schreibt alle Berufe auf, die systemrelevant für die Sicherheit und Ordnung in eurer Gemeinde oder Stadt sind.

Ein Ergebnis nehme ich schon mal vorweg: ihr werdet feststellen, dass die Polizei nur ein Teil (und ehrlich gesagt ein kleiner Teil) eines riesigen Ordnungsgeflechtes ist.

Die kommunalen Ordnungsdienste gehören gleichwertig dazu und werden an Bedeutung gewinnen. Abfällige Äußerung über Bekleidung, Ausrüstung und Ausbildung verbieten sich.

Und: die Ordnungsdienste fahren gut damit, sich auf ihre Stärken zu besinnen und nicht zu versuchen, die Polizei nachzumachen. Das brauchen weder die Gemeinden, noch die Städte. Sie brauchen Profis im Ordnungsdienst, die ein eigenes Selbstverständnis entwickeln und Lösungen anbieten für Probleme, die andere noch nicht lösen.

Viel Erfolg dabei!

About the Author ORKA

Oliver ORKA Pohl ist ein Kommunikations- und Selbstverteidigungstrainer. Er hat sich auf die Beherrschung des bei aggressiven Konflikten im Alltag wichtigsten Bereiches spezialisiert: den Übergang zwischen Kommunikation und Kampf. Weshalb dieser so relevant ist und wie er beherrscht werden kann, lehrt er mit der SPRECHVERTEIDIGUNG. Damit kommunale Ordnungsbehörden frühzeitig souverän auftreten und ihren Auftrag verhältnismäßig erfüllen können, gibt der Experte hier auch Tipps für die Bewältigung alltäglicher Aufgaben - vom Schreiben von Berichten bis zum Anwenden unmittelbaren Zwangs.

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